Shenja Vetlova Jahn

Schauspielerin  –  Schauspiellehrerin  –  Synchronsprecherin

Der interessanteste Film für mich ist das Leben selbst!  

(Übersetzt aus dem Russischen)

Andrej Gusev

Theater- und Filmschauspieler, Drehbuchautor.

 

                                        

Eines Abends fanden sich meine Frau und ich im Zuschauerraum eines kleinen Berliner Theaters wieder. Ein Plakat hatte uns hergelockt. Es versprach uns, endlich die “Mysteriöse Russische Seele” in ihrer ganzen Komplexität verstehen zu lernen. Diese Verheißung stand offensichtlich im Widerspruch zur ironischen Aufmachung des Plakats, das obendrein auch noch in Deutsch verfasst war. Nun warteten wir neugierig auf den Beginn der Aufführung. Eineinhalb Stunden lang legte dann ein Dutzend junger Schauspieler in deutscher Sprache ganz klar dar, was es mit uns und unseren russischen Seelen auf sich hatte. Es war wunderschön. Wir weinten und lachten, weil jedes Wort genau ins Schwarze traf und dabei eben an jener “Russischen Seele” rüttelte. Unter anhaltendem stürmischen Applaus kam die Regisseurin des Stücks auf die Bühne – eine kleine zierliche schöne Frau mit einem langen blonden Zopf, einem schelmischen Lächeln und leuchtend blauen Augen. Ihr Name, so stand es auf dem Plakat, war Shenja Jahn.
Wir hatten keine Wahl: wir mussten diese Frau kennenlernen. Also versuchten wir sie nach der Vorstellung im Foyer abzupassen. Als Shenja schließlich auftauchte, ging ich das Risiko ein, sie auf Russisch anzusprechen: “Женя, можно с вами поговорить?“ Sie drehte sich um und sagte: “Конечно….” Als wir uns dann miteinander bekannt machten, verschlug es mir auf einmal die Sprache. Vor uns stand niemand anders als Tanja – die Heldin des Films Gut Wind, Blauer Vogel!

Später lud uns Shenja zu sich nach Hause ein und wir wurden gute Freunde. Oft redeten wir bis spät in die Nacht. Auf diesen Gesprächen basiert das folgende Interview mit der beliebten Schauspielerin Jewgenija Wetlowa.

– Lass uns ganz vorn beginnen.

– Gut, fangen wir mit der Kindheit an. Ich bin in Leningrad geboren. Meine Kindheit ist vor allem mit der Erinnerung an die Menschen verbunden, die mir im Leben am liebsten sind: meine Großeltern – Jefrosinja Aleksejewna und Rodion Ignatjewitsch Wetlowij. Angeln und Bäume erobern waren meine Lieblingsbeschäftigungen und vor allem endlose Stunden lang vom Fenster aus nach draußen zu schauen. Wir lebten in der Nähe der Smolny-Kathedrale in einem Haus mit Fenstern zur Newa und ich betrachtete bis spät in die Nacht hinein das Wasser, das dunkle Newa-Wasser, das irgendwohin fließt. Aber die Sterne, die sich darin spiegeln, bleiben unbeweglich an der gleichen Stelle stehen. Das war seltsam und faszinierend zugleich – alles fließt und doch verändert sich nichts. Ich wollte schon damals unbedingt wissen, was Unendlichkeit ist und habe es bis heute nicht herausgefunden.

Manchmal kletterten meine Freundinnen und ich fast bis unter die Kuppel der Smolny-Kathedrale. Sie wurde damals als Lagerhaus genutzt, wie fast jede Kirche in der Sowjetunion. Das war ein ziemlich gefährliches Abenteuer… Auf einer halb verfallenen Ikonostase im Kirchenschiff saß immer ein Schwarm Tauben, die durch unsere Stimmen erschreckt aufflogen und in die Kuppel hinaufflatterten.

Ansonsten hatte ich eine ganz normale Kindheit als Oktoberpionierin. Morgens in die Schule gehen und nach der Schule an allen möglichen Zirkeln in unserem Leningrader Pionierpalast teilnehmen. Ich liebte vor allem die zoologischen Arbeitsgruppen. Tiere haben mich schon immer fasziniert. Ich habe in so vielen Zirkeln mitgemacht wie möglich – gesungen, getanzt, fotografiert… Sogar in die Sportschule hab ich es geschafft. Ich bin eine Meisterin im Geräteturnen. Bis heute betreibe ich Sport als Hobby. Inzwischen ist es Yoga geworden. In meiner 195. Leningrader Schule (heute das Alma-Mater-Gymnasium) gab es auch ein Theaterstudio und ein Musikensemble und ich spielte in Sketchen und Theaterstücken mit, habe gesungen. Einige Jungen aus diesem Ensemble schlossen sich später zu einer der ersten Leningrader Rockbands, den “White Arrows” zusammen.

Ich wollte so viel wie möglich ausprobieren, war aber auch ziemlich wählerisch.

– Was hast du ausgeschlagen?

– Obwohl ich ein braves Kind war, habe ich zweimal mit Überzeugung und Selbstbewusstsein “Nein!” gesagt – mit einem Ausrufezeichen. Das erste Mal, als unsere Lehrerin im Tanzstudio mir vorschlug, mich ernsthaft mit dem Ballett zu beschäftigen. Dafür, sagte sie, müsse ich aber alle anderen Zirkel aufgeben! Nein! Dieses Opfer wollte ich nicht bringen, obwohl ich das Tanzen liebe. So bin ich keine Ballerina geworden.

Das zweite “Nein!” kam genauso entschieden. Es war eine Absage an das renommierte Leningrader Filmstudio Lenfilm. Eines Tages wurde ich zum Vorsprechen eingeladen. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Ich weiß noch, dass wir lange warten mussten und ich mich mit meiner Großmutter in den leeren Gängen des Studios furchtbar langweilte. Als wir endlich hineingerufen wurden, bat mich der Regisseur, ein Fenster zu öffnen und ein paar Jungs zu verjagen, die im Hof herumlungerten. Ich kletterte auf die Fensterbank und schaute aufmerksam hinunter – da waren keine Jungen im Hof. Was für eine schamlose Lüge. Von einem Erwachsenen! Ich sah meine Großmutter an: “Stimmt etwas nicht mit seinem Kopf?!” – Ich sprang von der Fensterbank, richtete mein Kleidchen und verließ ohne ein weiteres Wort zutiefst entrüstet den Raum. Draußen teilte ich dann meiner Babuschka meinen Entschluss mit, nun sofort nach Hause gehen zu wollen und diese ganze Dummheit zu vergessen. Alle Einladungen zu weiteren Vorsprechen habe ich kategorisch abgelehnt.

Ja… Um ein Haar hätte es die Schauspielerin Jewgenija Wetlowa gar nicht gegeben.

Rückblickend habe ich eigentlich nie den Wunsch verspürt, Schauspielerin zu werden. Viel lieber wäre ich Diplomatin geworden oder noch besser – Försterin! Ich liebte Tiere und hatte eine ganze Armada von Plüschwesen. Ich musste also nur noch einen Wald für meine Familie finden (lacht).

Später kam ich dann doch noch zum Film – 1965 wurde ich vom Regisseur Gennadij Poloka eingeladen, in “Die Republik der Strolche” mitzuwirken. Niemand ahnte damals, dass dieser Film für meine Generation zum Kultfilm avancieren würde. Einige der jungen Darsteller wie Witja Perewalow und Sascha Kawalerow wurden später berühmte Schauspieler. Sie blieben auch nach den Dreharbeiten gute Freunde von mir.

Aber selbst da habe ich die Schauspielerei noch nicht ernst genommen. Am letzten Drehtag kam Gennadij Poloka zu mir und sagte: “Und Ihnen, ‘Señorita Margarita’, rate ich, Schauspielerin zu werden!” So habe ich mich dann halbherzig an der Leningrader Staatlichen Hochschule für Theater, Musik und Filmkunst beworben, ohne mir allzu große Hoffnungen zu machen: die Konkurrenz war einfach unglaublich. In dem Jahr wurde in der Sowjetunion die Schulpflicht von elf auf zehn Jahre verkürzt, so dass doppelt so viele Schüler eine Ausbildung oder ein Studium begannen. Auf einen Ausbildungsplatz an der Theaterhochschule kamen fast hundert Bewerber. Wozu sich da den Kopf zerbrechen? “Wenn sie mich nicht nehmen, dann gehe ich nach Moskau, um zu studieren und werde Diplomatin.” Da war ich mir absolut sicher.

Noch während der Aufnahmeprüfungen wurde ich dann für die Hauptrolle im Film “Gut Wind‚ Blauer Vogel!“, einer sowjetisch-jugoslawischen Koproduktion, gecastet.

(In diesem Moment betreten drei charmante zottelige Wesen die Küche und schauen Shenja fragend an.)

– „Entschuldigung, wir müssen eine kleine Pause machen. Es ist Fütterungszeit. Es gibt ein individuell abgestimmtes Menü, ohne Konserven, also muss ich ein wenig vorbereiten.“

(Die drei Hunde überwachen Shenjas Vorbereitungen aufmerksam und mit großer Ernsthaftigkeit, als seien sie Gesundheitsinspektoren.)

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, was ich empfunden habe, als ich als Kind zum ersten Mal den “Blauen Vogel” gesehen habe. Dieses begeisterte und schwärmerische Gefühl im Herzen! Damals gab es immer nur eins von beidem: entweder das Märchen der Kindheit oder die harte Wirklichkeit eines Pioniers im sowjetischen Alltag. Hier ging es um Pioniere und doch war alles wie im Märchen.

– Ja, der “Blaue Vogel”… Meer, Sonne, Strand, azurblauer Himmel, Abenteuer, neue Bekanntschaften – pure Romantik! Das damalige Jugoslawien war für uns während der zehn Tage der Vorbereitung auf die Dreharbeiten wie der Himmel auf Erden!

Ich habe zur Freude des Regisseurs sogar zugenommen. Er meinte nämlich, für ein russisches Mädchen sei ich eigentlich ein bisschen zu dünn. Zu Beginn der Dreharbeiten mussten dann meine Kostüme umgenäht oder in aller Eile ersetzt werden, teilweise auch durch nicht unbedingt passende Kleidung.

Wir jüngeren Teilnehmer der Dreharbeiten lebten damals unter strenger Aufsicht unserer Begleiter. Wo immer wir hinkamen – zum Schminken, zur Kostümprobe, zum Drehen – immer hatten wir unsere „Kindermädchen“ im Schlepptau. Aber natürlich heckten wir einen Plan aus, um uns davonzustehlen, uns zu bräunen oder für ein paar Stunden in die Stadt zu fahren und zum ersten Mal einen Horrorfilm zu sehen, um eine Zigarette zu schnorren und in einem Café einen echten Espresso zu bestellen, der mit einem Glas Eiswasser serviert wurde. Das war unfassbar. Dieses “magische” Glas Eiswasser gab uns das Gefühl, Auserwählte zu sein, als wären wir Gäste auf einem fremden Planeten.

Und es war unglaublich aufregend, solchen Berühmtheiten wie Radmila Karaklaitsch, Boris Amarantow, Witalij Doronin oder Michail Jerschow bei der Arbeit zusehen zu dürfen. Manchmal kann ich nicht glauben, dass mir das alles wirklich passiert ist.

– Ja. So wie dieser atemberaubende Sprung vom Hauptmasten des Segelschiffs!

– Das war eigentlich kein Problem. Es war ja nicht die Kuppel der Smolny-Kathedrale! Ursprünglich war vorgesehen, dass eine Puppe an Stelle von mir oben vom Masten „springt“. Leider ist sie schon beim ersten Take im Meer ertrunken. Also musste ich doch selbst springen, und zwar mehrmals, wenn auch nicht von ganz oben. Die Matrosen an Deck konnten das Sprungtuch, mit dem sie mich auffangen sollten, nicht richtig straff halten. Also schlug ich jedes Mal mit dem Allerwertesten leicht auf Deck auf. Es heißt nicht umsonst: die Kunst verlangt Opfer – bei dieser Aktion habe ich mir einen ziemlich großen Bluterguss geholt.

Zu den bewegten Ereignissen während der Drehtage kam dann noch ein Erdbeben. Es ist ein unaussprechlich beklemmendes Gefühl, auf einer schlingernden Straße davonzulaufen. Nachts rutschten im Hotel, in dem wir wohnten, plötzlich die Betten durchs Zimmer. Ich erinnere mich an das Rumpeln der zahlreichen hektischen Füße, die die Treppe hinunter ins Freie auf die Straße hasteten. Das Getümmel war unbeschreiblich! Schließlich wurden wir alle auf unser Segelschulschiff verladen, um zu einem anderen Drehort zu fahren. Und das Ende der Geschichte? Kaum waren wir in See gestochen, gerieten wir in einen fürchterlichen Sturm! Für einige von uns war das ein furioses Abenteuer, für mich leider nur ein einziger Alptraum einer Seekranken.

Durch die Dreharbeiten bin ich dann erst mit einiger Verspätung im Oktober in der Hochschule zum Schauspielunterricht aufgekreuzt. Meine Klassenkameraden studierten bereits seit über einem Monat.

Man begegnete mir dann auch zunächst mit Zurückhaltung, aber ich fand schnell in den Hochschulbetrieb hinein. Die Schulleitung sah es nicht so gern, wenn wir an Dreharbeiten teilnahmen. Aber mein mehr als bescheidenes Stipendium zwang mich dazu, ab und zu zu drehen – und das trotz massiver Warnungen meines Dekans Ruben Agamirsjan! Ich habe dann immer versucht, mich bei den Dreharbeiten dezent im Hintergrund zu halten, damit ich später auf der Leinwand nicht so auffalle. Im Film “Der Hochzeitstag” habe ich sogar ein paar Aufnahmen ruiniert, weil ich mein Gesicht in einem Blumenstrauß versteckt hielt. Ich spielte eine glückliche Braut. Aber natürlich ging es nicht nur ums Geld. Ich wollte so schnell wie möglich “in den Beruf einsteigen”. “Die Weiße Nacht”, “Ein Vorfall, den niemand bemerkt hat”, “Snegurotschka”, “Mutter heiratet”, “Fünf vom Himmel” – das sind ein paar Filme, in denen ich als Studentin kleinere Rollen gespielt habe.

Der größte Erfolg war natürlich „Gut Wind, Blauer Vogel!“ Tausende Briefe kamen bei “Lenfilm” an, oft einfach nur an den “Blauen Vogel“ oder „Tanja” adressiert. Das Publikum war so begeistert, dass ich anfangs das Gefühl hatte, jemand würde mir einen Streich spielen. Hatte meine Tanja wirklich so ein starkes “Erdbeben” in den jungen Seelen verursacht? Wahrscheinlich war es doch vor allem die Meeresbrise, die Sonne, das Gefühl von Freiheit und die außergewöhnlichen Abenteuer, in die wir gerieten, die das Publikum beeindruckten. Bis heute erinnere ich mich mit Dankbarkeit an die viele warmen und herzlichen Briefe.

– Aber wie passte denn deine plötzliche Berühmtheit als junge Schauspielerin mit deinem mehr als bescheidenen Stipendium zusammen?

– Das Stipendium reichte grade mal für Tee und ein paar Packungen Pelmeni – mit Fleisch gefüllten Teigtaschen – pro Woche. Nach der Zeit an der Hochschule konnte ich dann 30 Jahre lang keine Pelmeni mehr sehen. Nur ein- oder zweimal im Monat gönnten wir uns mit den Kommilitonen den Luxus und machten einen Ausflug in ein kleines Café nicht weit vom Kinotheater „Rodina“! Oh, diese köstlichen Pischki, eine Art Spritzkuchen, warm, mit Puderzucker bestäubt, für fünf Kopeken und dazu einen Kaffee mit Milch! Gott, was für ein Genuss! Ich erinnere mich immer noch an den Geschmack.

– Hast du am Institut auch Theater gespielt?

– Ja. Vom ersten Studienjahr an durfte ich am Akademischen Komissarschewskaja-Theater und später am Puschkin-Theater spielen. Das Theater ist für mich ein faszinierender, stickiger, staubiger, magischer Ort mit dem Geruch von dick aufgetragenem Make-up. Schminke ist für mich etwas Schreckliches! Auch im echten Leben benutze ich so gut wie kein Make-Up. Für meine Arbeit brauche ich außerdem absolute Harmonie. Aber im Theater ist das selten: Shakespeares Leidenschaften kochen nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen.

Ich habe großen Respekt vor Theaterschauspielern, aber ich bevorzuge trotzdem das Kino.

Die Filmaufnahme ist ein Moment, in den man alles investieren muss, um ein facettenreiches Bild der Figur zu erschaffen. Der Nachteil ist: wenn dir das heute nicht gelingt, kannst du morgen leider nichts mehr retten. Im Theater hat man dieses Problem nicht.

Meine erste “erwachsene” Hauptrolle bekam ich im Film “Inspektor der Kriminalpolizei“. Während man heute in Russland Filme dreht, die die Korruptheit der Polizei zeigen, ging es damals in den 70er Jahren noch um den Polizisten als idealen Freund und Helfer. Die Hauptfigur spielte Juri Solomin und ich war seine angebliche Geliebte Soja, von Beruf Model.

Für die damaligen Zeiten war das eine ungewöhnliche Tätigkeit. Leider haben sie mich im Film nicht auf dem Laufsteg gezeigt. In dieser Rolle sollte ich auch zum ersten Mal ernsthafte Gefühle vor der Kamera spielen. Wie das geht? Man inspiziert die Nase des Szenenpartners und denkt sich – oh, die glänzt ja richtig, man sollte sie pudern. Und auf der Leinwand bilden sich derweil subtile Gefühle (lacht). Übrigens: die große Bette Davis hat in der berühmten Treppenszene in “The Little Foxes” (USA, 1941) einen komplexen Gefühlszustand dargestellt, in dem sie dreistellige Zahlen im Kopf multiplizierte. Was für ein atemberaubender Schauspieltrick!

Damals hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, dass mein Schicksal mich nach Deutschland führen sollte. Ein Jahr nach dem “Kriminalinspektor” wurde ich in der DDR für die Hauptrolle in der Fernsehserie “Wir sprechen Russisch” gecastet. So gut organisierte Dreharbeiten, diese Pünktlichkeit und Disziplin hatte ich in Russland noch nicht erlebt. Da war keine Spur von unserem “Was soll‘s, ein paar Minuten zu spät…“ Die Zeit flog nur so dahin. Am Ende des Drehtages waren wir nicht mal müde.

– Ich weiß, dass du für diese Serie mit dem Preis der DDR-Regierung für Bildung und Kultur – der Goldmedaille “Dr. Theodor Neubauer” – ausgezeichnet wurdest: Du bist eine Heldin!

– Eine wahre Heldin war eher Dr. Vera, die ich im Film “Morgen ist es zu spät“, einer tschechisch-sowjetischen Koproduktion spielte. Die Handlung spielte während des zweiten Weltkrieges. Dieses Sujet war neu für mich. Während der Dreharbeiten traf ich auf Nonna Mordjukowa und Maja Bulgakowa – Schauspielerinnen, die ich seit meiner Kindheit verehrte.

– Du hattest dich also Anfang der 70er Jahre bereits als positive Heldin etabliert.

– Ja, aber ich mochte Charakterrollen mit Ecken und Kanten schon immer lieber. Und noch lieber wollte ich Komödien spielen. Allerdings sahen die Regisseure in mir immer eher die zurückhaltende, verständnisvolle und doch energische Frau an der Seite der sowjetischen Helden. Deshalb bin ich den Regisseuren des Films “Bitte um Starterlaubnis!” sehr dankbar. Es war die Chance, einen kleinen Schritt in Richtung Komödie zu machen. Die Crew war ein fröhlicher talentierter Haufen! Der Regisseur hat sogar für uns alle im Hotel Suppe gekocht! Wie soll man da die gemeinsame Arbeit nicht genießen!

Aber es gab auch Momente beim Drehen, die ich gar nicht lustig fand.

Einmal, nach dem Filmen mehrerer Einstellungen in einem fliegenden Flugzeug, überließ mir der Flugausbilder, der die Dreharbeiten begleitete, mitten in der Luft einfach die Kontrolle über das Flugzeug und nahm die Hände vom Steuerknüppel. Dabei grinste er ironisch. Was für ein Scherzbold. Die Nase des Trainingsflugzeugs begann sich zu senken. “Legen Sie die Hand auf den Steuerknüppel”, befahl mir der Ausbilder. Wie in Trance legte ich meine Hand auf den Steuerhebel und ließ ihn nicht mehr los. Gebannt starrte ich auf den langsam näher kommenden Boden. Auf die Bitte des Ausbilders, die Anzeigen im Blick zu behalten, hab ich schon nicht mehr reagiert. Wir sind dann doch noch sicher gelandet. Aber das Profil des Steuerhebels war bis auf die Knochen in meinen Handteller eingeprägt. Seit 1975 bin ich nicht mehr geflogen. Obwohl das Gefühl des Fliegens unbeschreiblich ist! Oft beobachte ich die Vögel und denke: verstehen sie überhaupt, welch göttliche Gabe sie besitzen?

Die nächste Hauptrolle hatte ich im Film “Der Sanfte“. Man hätte die Rolle auch komödiantisch interpretieren können. Aber mein viel zu „normales“ Gesicht machte mir wieder einmal einen Strich durch die Rechnung. Alles, was von meiner Heldin verlangt wurde, war pure Lyrik.

Dennoch war der Film ein Glücksfall, denn ich durfte an der Seite von Albert Filosow spielen. Von allen Filmpartnern war er mir der liebste. Er hatte ein sehr feines und leichtes Wesen. Was für ein Mensch! Danke, Alik, für deine Freundschaft bis zum letzten Tag, Gott hab dich selig. Der Film ist rührend. Er zeigt die Liebe von zwei nicht sehr selbstbewussten Menschen.

– Kurz darauf hast du dich dann im berühmten „Strohhut“ in einem ganz neuen Genre versucht?

– Ja, ich habe gesungen! Ich liebe diesen Film! Ursprünglich wollte der Regisseur Kwinikhidze das Ensemble „White Arrows“ für die Musiknummern einladen. Meine Duette mit dem Gitarristen Korowin hatten ihn beeindruckt. Aber unsere Zeitpläne stimmten leider nicht überein. Deshalb engagierten sie Kolpaschnikow mit seinem Ensemble. Die Proben und die Aufnahme der Lieder waren das reine Vergnügen. Der Dreh war dann schon schwieriger. Niemand hatte uns beigebracht, wie man reitet oder eine Kutsche lenkt. Und die Pferde hatten keine Schauspielausbildung. Gleich am ersten Drehtag im Petershof brach die Gabel des Pferdegeschirrs an meiner Kutsche.

Wäre ich nicht blitzschnell abgesprungen, hätte die Deichsel meine Brust durchbohrt. In einer anderen Einstellung führte ich mein Pferd am Zaum, sang und ging friedlich einen Feldweg entlang. Plötzlich begann das Pferd, es war eine alte Dame, sich ganz bequem auf mich fallen zu lassen. Ich musste sie stützen. So haben wir das Ende der Aufnahme erreicht, die dann auch im Film gezeigt wurde. Man sieht davon nichts auf der Leinwand…

– Und wieder, wie nach dem „Blauen Vogel“, allsowjetischer Ruhm! Diejenigen, die dich in diesen sensationellen Filmen gesehen haben, interessiert natürlich, wohin Jewgenija Wetlowa danach gegangen ist?

– Da wurde sie gerade zu Shenja Jahn. 1975 kam ein junger Mann auf der Straße in Leningrad auf mich zu, ein Deutscher, der mich, wie viele Menschen damals, aus der Serie “Wir sprechen Russisch” kannte. Es war Matthias Jahn, ein Student am renommierten Leningrader Bergbauinstitut. Er hatte eine ausgezeichnete musikalische Ausbildung, eine fantastische Stimme, spielte Gitarre und komponierte Musik! Es stellte sich schnell heraus, dass wir viel gemeinsam haben. Bereits beim zweiten Treffen beschlossen wir, das Duo “Shenja und Matthias” (Galerie) zu gründen und weckten damit sofort das Interesse verschiedener Komponisten. Sie fingen an, Songs für uns zu schreiben und wir präsentierten sie mit Freude auf von Lenfilm organisierten Konzerten und auf verschiedenen Jugendfestivals.

Wir belegten sogar Spitzenplätze in verschiedenen Wettbewerben, gewannen den gesamtsowjetischen Gesangswettbewerb und sollten zu den XI. Weltfestspielen der Jugend und Studenten nach Kuba fahren. Nachdem wir schon als Gesangsduo ein Herz und eine Seele geworden waren, haben wir 1978 geheiratet.

Damals wurden Schauspieler oft eingeladen, um vor der Vorstellung im Kinotheater aufzutreten. Das haben wir gern gemacht. Das Publikum konnte uns dann auch Fragen stellen. Es waren verschiedene – über unsere Lieder, über meine Rollen im Kino. Und jedes Mal wurde ich gefragt: Wie kommt es, dass ich auf der Leinwand immer groß und stattlich wirke und im wahren Leben eine Miniatur bin?

Oh, ich habe keine Ahnung (lacht)! Nicht selten bekam ich von den Zuschauern das Kompliment, dass ich der französischen Schauspielerin Marina Vlady ähnlich sähe. Das hat mir geschmeichelt. In der Tat, wir haben beide russische Wurzeln!

– Und trotzdem wurdest du mit deinem blond-blauäugigen slawischen Aussehen für eine bestimmte russische Hauptrolle nicht genommen, weil du zu „ausländisch“, zu „fremd“ aussahst?

-Ja, das war eine erstaunliche Geschichte. Zu Beginn der Arbeiten am Film Moskau glaubt den Tränen nicht, lud mich der Regisseur Wladimir Menschow ein, um für die Hauptrolle vorzusprechen. Und die Proben waren sogar sehr gut. Aber man fand, ich sähe überhaupt nicht wie eine typische Sowjetfrau aus. Und das nur ein paar Jahre nachdem ich im “Blauen Vogel” die reinste russische jugendliche Heldin gespielt hatte!

– Hast du dich geärgert, dass du Rolle nicht bekommen hast?

– Ich hab das nie so wahrgenommen. Ein Vorsprechen ist ja nur der allererste Schritt. Manchmal gibt es Situationen im Leben, in denen es notwendig ist, ohne mit der Wimper zu zucken, sogar Hauptrollen abzulehnen, die man schon in der Tasche hat.

– Aus welchem Grund?

– Da gibt es verschiedene. Ich habe oft abgesagt, wenn ich zeitgleich Engagements als Synchronsprecherin hatte, was zu meiner großen Leidenschaft wurde. Diese Arbeit ist so emotionsgeladen, als ob man die Rollen tatsächlich spielen würde, die man einspricht. Eine Synchronisation kann eine Rolle ruinieren aber auch viel interessanter machen. Aber das Beste daran ist: du brauchst dich nicht zu schminken und musst nirgendwo hinfliegen (lacht).

Einige Rollen habe ich auch meinen Hunden zuliebe abgelehnt. Als Timofej damals operiert wurde, musste ich an seiner Seite bleiben. Meine Haustiere sind mir wichtiger als alle Rollen zusammen, wichtiger als meine eigene Bequemlichkeit. Oft sind Matthias und ich ein paar hundert Kilometer mit dem Auto gefahren, nur um unsere “zotteligen” Anhängsel zu füttern und wieder dorthin zurückzukehren, wo wir auftreten sollten.

– Das war schon in Deutschland?

-Ja, nach dem Studium durfte Matthias nicht mehr in der Sowjetunion bleiben – die DDR-Regierung bestand auf der Rückkehr ihrer Studenten. In den 80er Jahren mussten wir also nach Berlin gehen.

In Berlin haben wir unsere Arbeit nahtlos fortgesetzt. Noch in Leningrad hatte uns der Komponist Alexander Morosow einen wunderbaren Zyklus von Liedern angeboten, die er auf die Gedichte von Nikolai Rubtsow geschrieben hatte – eine Melodie besser als die nächste! Wir haben sie ins Deutsche übersetzt und in unser Repertoire aufgenommen. Wir sangen Kompositionen weltberühmter Chansonniers, Folklore, russische Lieder in deutscher Sprache und eigens für uns geschriebene Lieder von deutschen Komponisten. Außerdem spielten wir verschiedene exotische Instrumente – Kastagnetten, Tamburine, Mundharmonika, usw.

Bald hatten wir unsere ersten Auftritte im deutschen Rundfunk und im Fernsehen (Da liegt Musike drin, Zwischen Frühstück und Gänsebraten, Elf 99, AHA, Rund, Lieder-Karussell, Schätzen Sie mal u.a.), wo wir mit verschiedenen Symphonieorchestern und bald auch mit einer wunderbaren eigenen Big Band auftraten.

– Und deine Arbeit hat hier eine neue Wendung genommen. Hat dich das Leben im Ausland beeindruckt?

– Ja! Mehr als einmal war ich wirklich beeindruckt (lacht). Man darf nicht vergessen, dass Berlin zu dieser Zeit eine ganz besondere Stadt mitten in Europa war – hier verlief die Grenze zwischen den beiden Systemen entlang einer Straße. Ein paar Mal, als wir das vergaßen, gerieten wir in Unannehmlichkeiten, um es vorsichtig auszudrücken. Es war zwar nur eine Lappalie, aber trotzdem sehr unangenehm. Ich hatte noch in Leningrad meinen Führerschein gemacht, aber so gut wie keine Fahrpraxis vorzuweisen. Nachts, wenn auf den Ostberliner Straßen praktisch kein Verkehr war, haben wir geübt. Plötzlich bremste uns ein Geländewagen aus und zwei Militärs mit Maschinengewehren sprangen heraus. Sie standen wie Statuen vor uns und baten uns um unsere Papiere. Fünfzehn Minuten lang versuchten sie, jemandem über Funk zu erreichen, um unsere Ausweise prüfen zu lassen. Dann entschuldigten sie sich sogar und baten uns nur, doch bitte irgendwo weit weg von hier weiter zu trainieren. Wir hatten nämlich nicht daran gedacht, dass die Straße, auf der wir unserer Fahrstunden absolvierten, parallel zur Berliner Mauer verlief. Unsere Fahrmanöver hin und her hatten den Argwohn der Grenzsoldaten geweckt: wollten diese beiden Turteltauben etwa Abschied nehmen vom sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat?

Ein andermal wäre uns die Nähe zur Grenze fast zum Verhängnis geworden. Wir sollten bei Magdeburg, nahe Westdeutschland, auf Feierlichkeiten für die höheren Ränge der ostdeutschen Armee auftreten. Es gab einen offiziellen „Passierschein“ für die Teilnehmer des Konzerts und eine genau festgelegte An- und Abreiseroute dorthin.

Nach der Aufführung wollte unsere Band noch bleiben. Wir beide aber beschlossen mit dem Auto nach Hause zu fahren. Dabei vergaßen wir leider unseren Passierschein. Es war nachts, ein starker Wind ging, es regnete heftig und wir haben uns einfach verfahren. Auf einem Waldweg sprangen plötzlich drei Grenzposten aus dem Gebüsch und zerrten uns unsanft aus dem Auto und schrien uns an: Hände hoch! Wir beteuerten, dass wir aufgetreten waren und unseren „Passierschein“ am Auftrittsort vergessen haben. Ein Anruf und alles wäre geklärt gewesen. Aber die Grenzbeamten reagierten nicht. Sie waren selbst völlig panisch und aufgeregt, besonders der Kommandant. Er rief seine Vorgesetzten an und teilte ihnen mit, dass zwei Überläufer festgenommen worden waren. Inzwischen bibberten wir in der Kälte und meine Hände wurden langsam taub. Wir waren vollkommen durchnässt und zitterten wie Espenlaub. Der Kommandant verbot uns, zu reden oder uns zu bewegen. Als wir doch versuchten, die Situation aufzuklären, befahl er den Soldaten, die Waffen zu entsichern. Er war wie wahnsinnig und berauscht vom Gefühl seiner eigenen Wichtigkeit – immerhin hatte er ja das Entkommen zweier „hochgefährlicher Republikfeinde“ verhindert! Das hätte schlimm enden können. Plötzlich hörten wir die Motorengeräusche eines näher kommenden Autos – es war einer der hochrangigen Majore, der von unserem Konzert nach Hause chauffiert wurde.

Dieser leicht angetrunkene Major eilte mit Freude auf uns zu, gratulierte uns zu unserem Auftritt und befahl den Männern, die Waffen niederzulegen. Aber nichts da! Der junge Grenzkommandant hörte nicht auf ihn, denn der angekommene Major war irgendwie verdächtig fröhlich und außerdem nicht im Dienst. Also blieben die Waffen auf uns gerichtet und wir standen weiterhin zitternd und klatschnass in der Gegend herum, bis schließlich ein Auto kam, das uns ins Gefängnis bringen sollte. Unser “fröhlicher” Major schaffte es dann doch noch, den eintreffenden Offizier zu überzeugen, uns gehen zu lassen. Niemand entschuldigte sich bei uns für dieses schreckliche Erlebnis, die Kälte, die Angina, die vielen abgesagten Konzerte danach und vor allem die tiefsitzende Angst, an die wir uns für den Rest unseres Lebens erinnern würden. Selbst jetzt bekomme ich noch eine Gänsehaut.

Aber es gab natürlich auch angenehmere Reisen – wir gingen auf Tournee durch Europa. Unsere Gagen flossen hauptsächlich in den Kauf von erstklassigen Computern und Musikinstrumenten für das Studio, das wir nach Beendigung unserer Konzerttätigkeit gründeten. Endlich hatte ich Zeit, um mich bei den DEFA-Filmstudios und im deutschen Fernsehen zu etablieren. Aber dem Gesang bin ich bis heute treu geblieben. Allerdings spiele ich nicht mehr so viel Gitarre.

1986 begann ich in deutschen Serien und Spielfilmen mitzuwirken, beherrschte inzwischen auch die Synchronisation in Deutsch. So habe ich auch die namhafte russisch-amerikanische Schauspielerin Viktoria Fyodorova in der amerikanischen Serie “HeartBeat” synchronisiert. Ich machte das alles parallel. Unser Studio begann mit dem DDR-Fernsehen und -Radio zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit setzte sich auch im wiedervereinten Deutschland fort. Matthias und ich komponierten Musik für Filme, Jingles für verschiedene Sendungen, für das DDR-Fernsehballett. In unserem Studio nahmen wir bekannte deutsche und ausländische Schauspieler und Sänger auf, wie zum Beispiel Gunther Emmerlich, Wolfgang Stumph, Frank Schöbel, Stefanie Hertel, Wildecker Herzbuben, Diether Krebs und viele andere.

Und das Paradoxe daran: dank unseres Studios haben alle hervorragende Aufnahmen vorzuweisen, aber die Schuster blieben ohne Stiefel. In Radio- und Fernsehsendungen wurden unsere Auftritte live übertragen, wir haben niemals Playbackauftritte gemacht. Ehrlich gesagt haben wir unsere Arbeit wie Stiefeltern behandelt: wir sind überall aufgetreten, haben gesungen, gespielt, synchronisiert – toll, schön und weiter zum nächsten Gig! Nichts wurde ordentlich aufgenommen und richtig archiviert. Das, was sich jetzt noch restaurieren lässt, ist aus technischer Sicht leider von schlechter Qualität.

– Shenja, wenn man deinen Erzählungen so lauscht, scheint das Leben um dich herum wirklich bunt gewesen zu sein!

– Das ist es noch immer! Ich weiß bis heute nicht, was ein Feiertag ist. Es hat sich sogar noch ein weiterer beruflicher Weg für mich eröffnet, die Pädagogik. Ich glaube, das ist derzeit sogar meine Lieblingsbeschäftigung. Ich unterrichte an Berliner Theaterschulen Schauspiel und Bühnenrhetorik und gebe auch Privatunterricht. Vor meinen Schülern kann ich jede Rolle so interpretieren, wie es die Dramaturgie verlangt.

Wenn ich anfange, ihnen zu zeigen, wie ich die Rolle sehe, kann ich nicht mehr aufhören. Ich lasse ihnen dabei aber alle Möglichkeiten, sich individuell in die Richtung zu entwickeln, die ihr Talent am besten hervorhebt, unterstütze sie dort, wo sie grade stehen. Und ich habe es doch noch geschafft, in einer Komödie im Theater mitzuspielen – die Rolle der boshaften Baba Jaga hat mir ein unbeschreibliches Glücksgefühl beschert – direkt aus dem Theatersaal das Lachen der deutschen Zuschauer zu hören.

Ich wollte schon als Studentin Charakterrollen spielen, schon bei den Aufnahmeprüfungen. In der dritten Runde spielte ich die Rolle der Marjutka in einer Szene aus „Der letzte Schuss“. Das gelang mir mit solcher Hingabe, mit solcher Leidenschaft und so lustig, dass die Lehrer und ein paar ältere Schüler, die im Saal saßen, vor Lachen weinten. Aber während der Besprechung danach wurde mir gesagt, ich solle mich von der Komödie fern halten, obwohl ich perfekt gespielt hätte – ich hätte einfach nicht das Aussehen dafür. Ich sei eine typische lyrische Heldin. Mein Gott, wer will denn schon die ganze Zeit positive Heldinnen spielen?!

– Shenja, dein kreativer Weg ist auf weitverzweigten Pfaden verlaufen: Musik, Pädagogik, szenische Lesungen, Synchronisationen. Unter anderem bist du auch die Stimme in mehr als 120 Museen in der Welt für russische Touristen geworden. Gibt es eine Rolle, an die du dich mit besonderer Wärme erinnerst?

– Hmm. Wahrscheinlich Miss Green im Fernsehfilm “Alexander Demyanenko”. Vielleicht ging darin mein aufrichtiger Wunsch in Erfüllung – keine Lyrik und keine Heldin…

– Glaubst du, dass deine Wünsche und Träume sich erfüllt haben?

– Natürlich! Ich bin dankbar für alles, was mir im Leben widerfahren ist – für meine Rollen und die wunderbaren Partner, mit denen ich arbeiten durfte, und natürlich für das Publikum, das sich noch an meine Arbeit erinnert. Man kann träumen, so viel man will, aber man kann nicht alles spielen, man kann nicht alles lesen, was man will, man kann nicht alles erleben, was man möchte. Und auch mein Hang zur Komödie ist letzten Endes nur eine Randnotiz. Ich habe Interessen, die nichts mit Kunst zu tun haben, engagiere mich in sozialen und gemeinnützigen Projekten. Die Welt um mich herum erfüllt mein Leben mit Sinn.

Also, ja, viele meiner Träume sind wahr geworden, zum Teil sogar mein Kindheitstraum, Försterin zu werden (lacht). Du siehst ja, wo ich hier wohne: mitten im Wald. Mir als Einsiedlerin ist es unheimlich wichtig, die Sonne untergehen und die Wolken ziehen zu sehen, Vögel, Eichhörnchen und Ameisen beobachten zu können, im Frühling die platzenden Knospen zu genießen und im Herbst die ungewöhnlichen Farben. Eigentlich ist das Leben der interessanteste Film für mich!

Wir aßen zu Abend, gingen mit Shenjas Hunden auf den Waldwegen spazieren, sprachen noch über ganz andere Dinge und verabschiedeten uns schließlich. Zurück im Hotel entdeckten wir dann im Internet noch ein paar weitere Facetten, die Shenja nicht oder nur ganz am Rande erwähnt hatte. (siehe Vita)

Jewgenija Wetlowa, diese erstaunliche und unermüdliche Seele ist immer auf dem Weg zu neuen interessanten Projekten. „Gut Wind“, Shenja!

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